KI-Kennzeichnung — Entscheidungsmatrix für Betriebe | BDS Schleswig-Holstein
BDS SH · KI-Kennzeichnung
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Entscheidungshilfe · Rechtsstand 14. August 2026

Was gekennzeichnet wird — und was nicht

Seit dem 2. August 2026 gilt Artikel 50 der KI-Verordnung unmittelbar. Diese Matrix führt dich durch alle Mittel, bei denen in deinem Betrieb KI zum Einsatz kommt — auf der Website, in sozialen Netzwerken, in Anzeigen und in Drucksachen — und hält je Mittel eine Entscheidung fest. Am Ende steht ein Protokoll, das deinem Team und deinen Dienstleistern als Arbeitsanweisung dient und das belegt, warum wie entschieden wurde.

Geltungsbereich

Die Verantwortung liegt bei dir

Alles, was unter dem Namen deines Betriebs veröffentlicht oder verändert wird, verantwortest du allein — auf der Website ebenso wie auf Instagram, Facebook und LinkedIn, in geschalteten Anzeigen und in gedruckten Flyern, Broschüren, Kundenmagazinen oder Plakaten. Beauftragte Agenturen und Dienstleister setzen die hier getroffenen Entscheidungen um. Auswahl, Freigabe und Veröffentlichung der Inhalte sowie die Einhaltung von Wettbewerbs-, Urheber-, Berufs- und Datenschutzrecht liegen bei dir. Steuert ein Dienstleister den KI-Einsatz eigenständig, kann die Betreiberpflicht bei ihm liegen. Halte schriftlich fest, wer was verantwortet.

Eine KI-Kennzeichnung macht einen Inhalt im Übrigen nicht automatisch rechtmäßig. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz und Wettbewerbsrecht sind unabhängig davon zu prüfen. In Heilberufen und bei ästhetischen Behandlungen kommen Heilmittelwerbegesetz und Berufsrecht hinzu.

Vor der ersten Entscheidung lesen

Was eine Kennzeichnung kostet

Ein Hinweis wie „mit KI erstellt“ ist keine Formsache. Er verändert, wie Kunden das Bild, den Text oder das Video wahrnehmen — und damit, wie sie deinen Betrieb wahrnehmen. Das gilt überall gleich: auf der Website, im Instagram-Feed, in einer Anzeige und im gedruckten Flyer. In Drucksachen wiegt die Entscheidung am schwersten, denn dort lässt sie sich nach dem Druck nicht mehr korrigieren. Der Effekt ist erforscht, er ist begrenzt — und man kann ihn zum großen Teil wieder auffangen. Wer das weiß, kennzeichnet dort, wo es etwas schützt, und lässt es dort, wo es nichts bringt.

1 · Der Hinweis kostet Vertrauen — nicht Glaubwürdigkeit Wer offenlegt, dass KI im Spiel war, wirkt auf Leser weniger seriös. Nicht, weil sie den Inhalt für falsch halten, sondern weil sie den Absender für weniger sorgfältig halten. In Untersuchungen sank das Vertrauen in den Absender um rund ein Sechstel bis ein Fünftel. Schilke & Reimann 2025, 13 Experimente: −16 % bis −20 %.
2 · Deine fachliche Aussage bleibt stehen Menschen unterscheiden sehr wohl zwischen „mit KI gemacht“ und „nicht wahr“. Ein Hinweis „KI-generiert“ schadete in einer Untersuchung mit fast 5.000 Personen nur ein Drittel so stark wie der Hinweis „Diese Aussage ist falsch“. Deine fachliche Botschaft — Leistung, Beratung, Angebot — bricht durch ein gekennzeichnetes Symbolbild also nicht zusammen. Altay & Gilardi 2024, N = 4.976.
3 · Bei Gefühl kostet es mehr als bei Sachlichem Eine erklärende Grafik zum Ablauf einer Sanierung in einer Kundenbroschüre verträgt den Hinweis problemlos. Ein Motiv, das Nähe, Fürsorge oder Betroffenheit auslösen soll, verliert dagegen spürbar an Wirkung. In einer Untersuchung mit Spendenanzeigen sank nicht nur die Glaubwürdigkeit der Anzeige, sondern auch die Bereitschaft, tatsächlich zu spenden. Baek et al. 2024.
4 · Bei erfundenen Gesichtern dreht der Hinweis die Wirkung um Solange niemand es weiß, wirken KI-erzeugte Gesichter auf Betrachter sogar etwas vertrauenswürdiger als echte Fotos. Steht der Hinweis dabei, kippt genau dieser Vorteil ins Gegenteil. Die richtige Antwort ist deshalb nicht ein besser formulierter Hinweis, sondern auf erfundene Menschen zu verzichten — in jedem Kanal, vom Reel bis zum Firmenprospekt. Nightingale & Farid 2022: KI-Gesichter +7,7 % Vertrauen ohne Hinweis.
5 · Halbe Kennzeichnung ist gefährlicher als gar keine Wenn nur einzelne Bilder gekennzeichnet sind, gehen Betrachter automatisch davon aus, dass alles Übrige echt fotografiert ist. Stellt sich später heraus, dass dort ebenfalls KI im Spiel war, wiegt das schwerer als der ursprüngliche Hinweis. Umgekehrt gilt: Wer alles kennzeichnet, auch die harmlose Belichtungskorrektur, erweckt den Eindruck, in diesem Betrieb sei überhaupt wenig echt. Entscheidend ist deshalb eine einheitliche Linie über Website, Social Media, Anzeigen und Drucksachen hinweg. Pennycook et al. 2020.
6 · Ein Halbsatz nimmt dem Hinweis die Schärfe Der Vertrauensverlust entsteht vor allem aus einer Vermutung: dass hier eine Maschine ohne menschliche Kontrolle gearbeitet hat. Wer sichtbar macht, dass ein Mensch geprüft und freigegeben hat — „fachlich geprüft von [Name]“ —, nimmt dem Hinweis den größten Teil seiner Wirkung. Und umgekehrt: Deutlich teurer als jeder Hinweis ist der Fall, dass ein Kunde, ein Mitbewerber oder eine Zeitung den KI-Einsatz selbst aufdeckt.

Wie belastbar sind diese Zahlen? Es handelt sich um veröffentlichte, wissenschaftlich geprüfte Experimente — allerdings überwiegend mit Teilnehmern aus den USA und Großbritannien und aus Nachrichten- und Werbezusammenhängen, nicht aus dem Alltag kleiner und mittlerer Betriebe. Für die Bildwirkung in der deutschsprachigen Unternehmenskommunikation gibt es bislang keine eigene Untersuchung. Zur Wirkung von KI-Stimmen fehlen belastbare Studien vollständig. Die Größenordnung ist also gut belegt, die genaue Übertragung auf deinen Betrieb nicht.

Das Spannungsfeld

Jedes Mittel liegt zwischen zwei Kräften: dem, was das Gesetz verlangt, und dem, was die Kennzeichnung kommunikativ kostet. Punkt anklicken, um zum Mittel zu springen.

Kommunikativer Preis →
Teuer, aber frei —
nicht ohne Grund kennzeichnen
Pflicht und teuer —
hier entscheidet die Form
Frei und günstig —
Kennzeichnung ohne Schutzwert
Pflicht, aber günstig —
einfach kennzeichnen
Rechtliche Kennzeichnungspflicht →
Pflicht klar Graubereich keine Pflicht nach Art. 50

Protokoll erzeugen

Die Entscheidungen bestehen nur in dieser Sitzung, gespeichert wird nichts. Erzeuge am Ende das Protokoll und sichere es — es ist die Arbeitsanweisung für dein Team und für beauftragte Dienstleister und zugleich der Nachweis, dass jede Einstufung bewusst getroffen wurde. Genau dieser Nachweis ist es, der bei einer Beschwerde oder Abmahnung zählt.

Grundlage: VO (EU) 2024/1689 (KI-VO), Art. 50 und Art. 3 Nr. 60 · Leitlinien der Europäischen Kommission vom 20. Juli 2026 · Code of Practice on Transparency of AI-generated Content (final 10. Juni 2026) · Digital Omnibus, in Kraft 27. Juli 2026 · KI-MIG, Bundesnetzagentur als Marktüberwachungs- und Beschwerdestelle seit 29. Juli 2026 · Wettbewerbszentrale, Leitfaden V. 1.1 vom 4. Februar 2026 · UWG, DSGVO/KUG, für Heilberufe zusätzlich HWG und MBO-Ä § 27 · BGH I ZR 170/24 vom 31. Juli 2025 · LG München I 42 O 763/25 vom 31. Juli 2026 (nicht rechtskräftig).

Studien: Schilke & Reimann 2025 (OBHDP 188, 104405) · Altay & Gilardi 2024 (PNAS Nexus 3(10), pgae403) · Nightingale & Farid 2022 (PNAS 119(8), e2120481119) · Pennycook et al. 2020 (Management Science) · Baek et al. 2024 (Int. J. of Advertising) · Longoni et al. 2019 (JCR).

Bund der Selbständigen Schleswig-Holstein · Entscheidungshilfe für Mitglieder, keine Rechtsberatung. Erarbeitet von Wolfgang Koll, stellvertretender Landesvorsitzender.

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