Warum die passende Person nicht auf deine Anzeige antwortet

AKTE 03
Akte 03: Fachkräfte fehlen, Anforderungen steigen, Aufgaben bleiben. Dieses Beweisstück zeigt, warum der Fachkräftemangel nicht nur ein Personalproblem ist – und weshalb Anpassung darüber entscheidet, ob aus Knappheit Stillstand oder neue Organisation entsteht.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Fachkräftemangel wird meist als Mengenproblem behandelt: mehr Anzeigen, mehr Reichweite, mehr Budget. Das erklärt aber nicht, warum passende Menschen sich trotzdem nicht melden.
  • Laut Gallup Engagement Index Deutschland 2025 sind rund 10 Prozent der Beschäftigten emotional stark an ihren Arbeitgeber gebunden, 77 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, 13 Prozent haben gar keine Bindung mehr.
  • Das GlücksHub-Programm des BDS SH dreht die Suchrichtung um und sortiert nicht zuerst nach Qualifikation, sondern danach, ob Mensch und Betrieb zusammengehen.
  • Drei Dinge davon kannst du ohne jedes Programm nutzen, und das wirksamste davon ist ein Gespräch mit den Menschen, die längst bei dir arbeiten.

Es gibt eine Erfahrung, die viele Betriebe im Norden teilen, und über die selten gesprochen wird: Die Anzeige läuft, sie wird gesehen, es kommen Bewerbungen. Nur eben nicht die richtigen. Und dann kommt der Gedanke, dass man wohl noch mehr Reichweite braucht.

Das ist ein nachvollziehbarer Schluss und meistens ein teurer. Denn wenn die Menge stimmt und das Ergebnis nicht, liegt das Problem nicht bei der Menge.

Der BDS SH hat daraus ein eigenes Programm entwickelt. Dieser Beitrag erklärt, welche Annahme dahintersteckt und welchen Teil davon du ab morgen selbst nutzen kannst.

Warum antwortet die passende Person nicht auf Ihre Anzeige?

Weil sie gerade nicht sucht. Der überwiegende Teil der Menschen, die zu einem Betrieb passen würden, ist beschäftigt und schaut sich nicht aktiv um. Diese Gruppe erreicht man nicht über Ausschreibungen, sondern nur darüber, dass ein Betrieb erkennbar wird.

Der zweite Grund liegt in den Texten selbst. Eine typische Ausschreibung beschreibt ein Wunschprofil und ein Unternehmen im Bestzustand. Beides ist ehrlich gemeint und für die Leserin wertlos, weil es nichts entscheidbar macht. Sie erfährt nicht, wie der Dienstag um halb elf aussieht, wer über ihr steht, was schiefgehen kann und was gut ist, obwohl es anstrengend bleibt.

Der dritte Grund ist unbequem und hilfreich zugleich. Die Zahlen von Gallup zeigen, dass Bindung im deutschen Arbeitsmarkt insgesamt die Ausnahme ist: rund 10 Prozent stark gebunden, 77 Prozent Dienst nach Vorschrift, 13 Prozent ohne jede Bindung. Das ist kein Befund über deinen Betrieb. Es ist ein Befund über den Markt, auf dem du suchst. Er bedeutet aber auch: Ein Betrieb, in dem Menschen gern bleiben, fällt in diesem Umfeld auf. Er muss dafür nur sichtbar werden.

Bindung im deutschen Arbeitsmarkt
Emotionale Bindung der Beschäftigten an den Arbeitgeber
100% der Beschäftigten
Quelle: Gallup Engagement Index Deutschland

Was macht das GlücksHub-Programm anders?

Es fragt zuerst nach dem Menschen und danach nach der Stelle. Kern ist der GlücksKompass, ein Verfahren auf Basis der Big-Five-Persönlichkeitspsychologie, das individuelle Stärken einordnet und daraus passende Berufsfelder und Entwicklungswege ableitet. Die Qualifikation kommt danach.

GlücksHub ist ein Innovationsprogramm des BDS SH für nachhaltige Fachkräftegewinnung, kluge Berufsorientierung und regionale Entwicklung. Es richtet sich in erster Linie an junge Menschen, Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger sowie an Fachkräfte in einer Phase der Neuorientierung. Unternehmen, Schulen und Kommunen sind eingeladen, sich zu beteiligen.

Die technische Umsetzung des GlücksKompass kommt von NEOX Studios aus Flensburg. Weitere Partner sind der GreenTEC Campus, der Wirklich Verlag und das Coaching-Netzwerk JOROBA.

Der eigentliche Unterschied liegt in der Reihenfolge. Ein klassisches Verfahren filtert Menschen gegen ein Anforderungsprofil. Wer die Kriterien nicht erfüllt, fällt heraus, auch wenn er in drei Jahren der beste Mensch für die Aufgabe gewesen wäre. Ein Verfahren, das bei den Stärken beginnt, findet auch Wege, die auf keiner Stellenausschreibung stehen.

Das ist Anpassung im Sinne unseres Jahresmottos: nicht der bessere Filter, sondern der zusätzliche Weg. Ein Betrieb, der Menschen aus mehreren Richtungen erreichen kann, ist beweglicher als einer, der nur eine Tür hat.

Was kannst du davon ohne Programm nutzen?

Drei Dinge. Sie kosten kein Budget und funktionieren in jedem Betrieb, unabhängig von Größe und Branche. Am schnellsten wirkt das dritte, weil du dafür niemanden von außen brauchst.

1. Beschreibe den den Alltag, nicht das Wunschprofil. Ersetze zwei Absätze Anforderungen durch zwei Absätze Wirklichkeit. Wie sieht eine normale Woche aus, was ist der anstrengendste Teil, was ist der Teil, für den Leute bleiben? Wer sich davon nicht angesprochen fühlt, meldet sich nicht, und das ist der eigentliche Gewinn. Du sparst dir die Gespräche, die ohnehin nicht zum Ziel geführt hätten.

2. Schaue zuerst nach innen. Die günstigste neue Mitarbeiterin ist die, die nicht geht. Eine Person, die bleibt, spart dir Suche, Einarbeitung und den Produktivitätsverlust in den ersten Monaten. Wer im Team gerade wackelt, weiß das meist selbst, und ein Gespräch darüber ist deutlich billiger als eine Nachbesetzung.

3. Frage die, die geblieben sind, warum sie geblieben sind. Das ist der wirksamste Schritt und der, der am seltensten gemacht wird. Vier oder fünf einzelne Gespräche, eine Frage: Was hält dich hier? Die Antworten sind fast nie das, was in der Anzeige steht. Sie sind aber genau der Text, der die Menschen erreicht, die noch nicht suchen. Du musst diesen Text nicht erfinden, du musst ihn nur aufschreiben.

Häufige Fragen zur Fachkräftegewinnung im kleinen Betrieb

Wir können nicht mehr Gehalt zahlen. Bringt das trotzdem etwas?

Gehalt entscheidet darüber, ob jemand überhaupt hinsieht. Ob jemand bleibt, entscheidet sich meist an anderen Dingen: Verlässlichkeit der Planung, Umgang im Team, Perspektive, das Gefühl, gebraucht zu werden. Diese Hebel kosten Aufmerksamkeit statt Geld.

Wie lange dauert es, bis so etwas wirkt?

Länger als eine Anzeige und kürzer als die meisten befürchten. Die drei Gespräche aus Schritt 3 lassen sich in einer Woche führen. Der Text daraus wirkt bereits ab der nächsten Ausschreibung.

Gibt es Unterstützung dafür?

Ja. Über die INQA-Coaching-Netzwerkpartnerschaft des BDS SH stehen geförderte Coaching-Tage zu Themen wie Fachkräfte gewinnen und binden sowie Kulturentwicklung zur Verfügung. Die Förderbedingungen und die Voraussetzungen prüfen wir mit dir gemeinsam.

Fazit und nächster Schritt

Der Fachkräftemangel ist die Lage. Wie ein Betrieb darin dasteht, ist eine Entscheidung. GlücksHub setzt an der Stelle an, an der aus Suchen ein Erkennen wird, und das Prinzip dahinter funktioniert auch ohne Programm.

Fange mit den Gesprächen an. Wenn du danach strukturiert weiterarbeiten möchtest, sieh dir sich das INQA-Coaching an. Und wenn du das Thema lieber im Austausch angehst: Beim Landesverbandstag am 9. Oktober auf dem GreenTEC Campus sitzen Menschen, die vor der gleichen Herausforderung stehen.

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