Risiko, Resilienz, Realität: Warum „Business as usual“ jetzt gefährlich wird

Stell dir vor, eine Krisenregion wird angegriffen. Die Lieferketten reißen. Deine Lager sind in acht Wochen leer. Mit solchen Szenarien eröffnete die IHK Kiel den Jahresempfang Horizont 26. Wer jetzt denkt: „Schon wieder Krisengefasel, das kenne ich doch alles“, der irrt. Denn die Tiefe der Veränderung, die uns bevorsteht, hat eine neue Qualität erreicht. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie – und zwar mit einer Konsequenz, die wir so seit Jahrzehnten nicht mehr brauchten.

1. Das Ende der Bequemlichkeit: Grautöne statt Ideologie

Lange Zeit war die Wirtschaftswelt einfach: Wir kauften dort, wo es am günstigsten war, und verließen uns darauf, dass die Politik den Rest regelt. Damit ist es vorbei. Beim Strategietalk mit Ministerpräsident Daniel Günther und IHK-Präsident Knut Hansen wurde eine neue, unbequeme Realität skizziert. Resilienz bedeutet heute nicht mehr nur, einen Plan B in der Schublade zu haben. Es bedeutet, aktiv und ich Echtzeit mit Risiken umzugehen.

Der Neuheitswert der Diskussion lag in der Offenheit: Es gibt keine „sauberen“ Lösungen mehr. Wer diversifiziert, erhöht seine Kosten. Wer auf heimische Produktion setzt, kämpft mit dem Fachkräftemangel. Wir bewegen uns in einer Welt der Grautöne, in der jede unternehmerische Entscheidung auch eine geopolitische Positionierung ist.

2. Die „Zivile Verteidigung“ ist zurück im Chefsessel

Ein Begriff, der im neuen Krisenvorsorgeplan Schleswig-Holstein eine zentrale Rolle spielt und viele aufhorchen ließ, ist die zivile Verteidigung. Was früher nach Kaltem Krieg klang, ist heute hochaktuell. Es geht darum, Unternehmen als Teil der kritischen Infrastruktur des Landes zu begreifen.

Das bedeutet konkret: Dein Unternehmen ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern für die Stabilität der gesamten Region. Wenn du ausfällst, geraten andere in Not. Der Krisenvorsorgeplan ist deshalb kein bloßer Ratgeber, sondern ein strategisches Framework, das über das übliche Business Continuity Management hinausgeht.

3. Deep Dive: Drei Hebel, die du bisher unterschätzt hast

Um den Vorsprung zu behalten, reicht es nicht, „Resilienz“ auf die Website zu schreiben. Du musst an die Substanz:

  • Führung im Ausnahmezustand: In einer echten Krise funktionieren demokratische Konsensprozesse oft nicht schnell genug. Hast du eine „Schattenorganisation“? Wer darf ohne Rücksprache Millionenentscheidungen treffen, wenn das Netz tot ist? Die Definition klarer Not-Kompetenzen ist der erste Schritt.
  • Sabotage und psychologische Sicherheit: Wir reden viel über Cyberangriffe, aber wenig über physische Sabotage oder die psychische Belastung der Belegschaft in Krisenzeiten. Der Vorsorgeplan fordert dazu auf, die Objektsicherheit (Zäune, Zugangskontrollen, Autarkie) neu zu bewerten und Mitarbeitende auf Szenarien vorzubereiten, die wir uns lieber nicht vorstellen wollen.
  • Chancen in der Disruption: Das ist der wohl spannendste Punkt. Krisenvorsorge bedeutet auch, zu antizipieren, welche neuen Bedarfe entstehen. Welche Produkte werden gebraucht, wenn herkömmliche Wege versperrt sind? Wer heute seine Produktion so flexibel aufstellt, dass er im Ernstfall „umschalten“ kann, wird zum Gewinner der Krise.

4. Ein Appell an den Pioniergeist

Ministerpräsident Günther betonte: Wir brauchen mehr „Beinfreiheit“. Aber diese Freiheit kommt mit Verantwortung. Der Staat kann nicht jedes Risiko absichern. Die echte Resilienz entsteht im Mittelstand, bei den Unternehmern, die bereit sind, Lagerbestände aufzustocken (auch wenn es Kapital bindet) und Partnerschaften in Demokratien zu stärken (auch wenn es teurer ist).

Fazit: Vom Wissen zum Tun

Ja, wir wissen alle, dass die Welt unsicherer wird. Aber wissen wir auch, ob unsere Notstromaggregate unter Volllast laufen? Wissen wir, welcher Zulieferer in der zweiten Ebene in einem Konfliktgebiet sitzt?

Schleswig-Holstein hat mit dem neuen Vorsorgeplan eine Blaupause geliefert. Es ist kein Dokument für das Archiv, sondern für den Konferenztisch. Der Horizont 26 hat gezeigt: Wir stehen eng zusammen, aber laufen muss jeder Unternehmer selbst.

Dein nächster Schritt: Hol dir den Plan, geh die Checklisten durch und stell dir die harte Frage: Wäre mein Unternehmen nach acht Wochen ohne Halbleiter und Strom noch handlungsfähig? Wenn die Antwort „Nein“ lautet, hast du heute deine Hausaufgabe gefunden.

Den vollständigen Krisenvorsorgeplan und weitere Insights zum Jahresempfang findest du auf den Seiten der IHK Schleswig-Holstein.

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