
Das Wichtigste auf einen Blick
- Prof. Dr. Daniela Aidley, Wirtschaftspsychologin an der FH Westküste, war beim Landesverbandstag Gastgeberin am World-Café-Tisch „Kurs halten oder sein Fähnchen mit dem Winde drehen?“.
- Umsteuern fällt schwer, weil wir investierte Zeit und Energie nicht verlieren wollen und uns selbst gern als konsistent erleben.
- Unsicherheit ist nicht schlecht, solange sie nicht lähmt.
- Ihre drei Tipps: andere Stimmen einholen, klar kommunizieren, offene Fehlerkultur leben.
Am 9. Oktober 2026 hat der BDS SH seinen Landesverbandstag auf dem GreenTEC Campus in Enge-Sande ausgerichtet, unter dem Motto „Komplexität und Anpassung“. An einem der vier World-Café-Tische saß Prof. Dr. Daniela Aidley. Zwei Wochen später haben wir mit ihr auf den Tag zurückgeschaut: was die Betriebe an ihrem Tisch bewegt hat, warum Umsteuern so schwerfällt und was du daraus für deinen Betrieb mitnehmen kannst.
Wer ist Daniela Aidley?
Daniela Aidley lehrt seit 2017 Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Westküste in Heide. Psychologie findet sie unheimlich spannend: zu verstehen, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun, und dieses Wissen weiterzugeben. Aus den Diskussionen mit Studierenden lernt sie selbst immer wieder dazu. Ein Job, in dem jeder Tag gleich aussieht, wäre nichts für sie. Sie braucht Abwechslung und Aufgaben, bei denen sie immer wieder etwas Neues lernt.
Den Anstoß für ihren Tisch beim Landesverbandstag gab Yara Ohrt, die sie gefragt hatte, ob sie eine Runde übernimmt.
Woher kennt sie „Komplexität und Anpassung“?
Für Aidley ist Komplexität eines der Kernthemen unserer Zeit. Wir sind stark vernetzt und bekommen viel mehr von dem mit, was in der Welt passiert. Das kann überwältigend sein.
Aus der Hochschule kennt sie das Thema gut. Auf viele Fragen gibt es keine klare Antwort, oft lautet sie: Es kommt drauf an. Im Studium wird deshalb trainiert, diese Unsicherheit auszuhalten und der Versuchung der einfachen Antwort zu widerstehen.
Auch Anpassung hat die Hochschule erlebt. Corona hat sie innerhalb weniger Monate in die Digitalisierung katapultiert. Heute verlangt künstliche Intelligenz ein ähnlich hohes Tempo.
Was ist vom Tag hängen geblieben?
Besonders beeindruckt hat Aidley die Simulation eines Stromausfalls am Info-Trailer und das System dahinter. Das Thema kennt sie auch aus ihrem Umfeld: In den Gemeinden wird gerade besprochen, wie man in Notfällen handlungsfähig bleibt und alle Menschen versorgt.

Warum fällt es so schwer umzusteuern?
Komplexität zu reduzieren, ist für Aidley der Kern dessen, was Menschen ständig tun: bei der Wahrnehmung, bei Schätzungen, bei Entscheidungen. Ohne diese Vereinfachung wären wir überwältigt. Dafür nutzen wir gedankliche Abkürzungen, die in neun von zehn Fällen funktionieren. Im zehnten Fall liegen wir daneben.
Deshalb gehört zur Komplexität die Anpassung: die Bereitschaft, eine Entscheidung zu revidieren, wenn sich Informationen als falsch herausstellen. Warum das so schwer ist, erklärt sie mit zwei Phänomenen:
- Sunk-Cost-Effekt: Je mehr Zeit, Energie und Leidenschaft du schon in etwas gesteckt hast, desto schwerer fällt es, aufzuhören.
- Wunsch nach Konsistenz: Wir wollen recht haben, gute Entscheidungen treffen und gute Menschen sein. Einen Irrtum zuzugeben, fühlt sich deshalb erst einmal unangenehm an.
Ein Warnsignal ist die kognitive Dissonanz. Sie entsteht, wenn Denken und Handeln nicht zusammenpassen. Aidleys Beispiel: Wer raucht und weiß, dass es schadet, redet sich die Lage gern schön („Mein Großvater hat geraucht und ist 95 geworden“). Ihr Rat: Merkst du, dass du dir etwas zurechtlegst, um einfach weitermachen zu können, ist es Zeit umzudenken. Dasselbe gilt, wenn aus deinem Umfeld Signale kommen, dass du falsch liegen könntest.
Ist Unsicherheit immer schlecht?
Nein, sagt Aidley, oft hilft sie sogar. Wer sich zu sicher ist, sucht eher nach Informationen, die ins eigene Bild passen, und blendet den Rest aus.
Unsicherheit ist nur dann schlecht, wenn sie zur Handlungsunfähigkeit führt.
Prof. Dr. Daniela Aidley
Unsicherheit heißt dann: Du hältst dir die geistige Beweglichkeit offen, neue Informationen anzunehmen und deine Meinung zu ändern.
Was haben die Betriebe am World-Café-Tisch diskutiert?
Am Tisch „Kurs halten oder sein Fähnchen mit dem Winde drehen?“ wurde mit Leidenschaft diskutiert. Die Teilnehmenden hatten viel zu erzählen, die Diskussion lief bis zur letzten Minute.

Information erwies sich dabei als zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite stand das Gefühl, dass zu viel auf einmal passiert, bis hin zur Frage, ob man da überhaupt noch resilient sein kann. Auf der anderen Seite lag genau im Austausch der Ansatz für Resilienz: sich vernetzen, um Hilfe bitten und Hilfe anbieten.
Auf die Leitfrage gab es eine klare Antwort. Wenn sich Informationen und Lage ändern, ist es in Ordnung, den Kurs zu ändern. Wichtig ist, das dem Umfeld zu erklären. Sonst wirkt der Kurswechsel beliebig.
Es ist wichtig, miteinander zu reden und sich zu vernetzen. Und es ist gut, das eigene Nichtwissen auch mal zuzugeben und es genauso bei anderen zu akzeptieren.
Daniela Aidley über das World Café
Welche drei Tipps gibt Daniela Aidley kleinen Betrieben?
- Hol dir andere Stimmen dazu. Eine vielfältige Belegschaft ist im Kleinbetrieb nicht immer möglich. Dann hol dir andere Perspektiven von außen, etwa über ein Gremium oder ein Netzwerk, damit du nicht in deiner eigenen Blase bleibst.
- Kommuniziere klar. Auch über das, was du nicht weißt. Unsicherheit sorgt bei Mitarbeitenden für Stress und Frust. Mit einer schlechten Nachricht können viele besser umgehen als mit dem Gefühl, im Nebel zu stehen. Schütze dein Team deshalb nicht aus falsch verstandener Fürsorge vor schlechten Nachrichten.
- Lebe eine offene Fehlerkultur. Fehler passieren. Entscheidend ist, offen darüber zu sprechen und daraus zu lernen. Wie sehr ihr das am Herzen liegt, zeigt eine Erinnerung an ihren ersten Vollzeitjob. Ihre damalige Führungskraft reagierte auf Fehler immer gleich: „Okay, das ist jetzt passiert. Was können wir tun, damit der gleiche Fehler nicht noch einmal passiert?“ Dieser Satz hat Aidley damals tief beeindruckt und prägt ihren Umgang mit Fehlern bis heute.
Fazit: Mit deinen Fragen bist du nicht allein
Für Aidley hat der Landesverbandstag noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, sich zu vernetzen. Wer sich austauscht, kommt aus der eigenen Blase heraus. Und es hilft zu merken, dass andere vor demselben Problem stehen.
Auf viele Fragen gibt es keine einfache Antwort. Aber es gibt Menschen, mit denen du sie gemeinsam suchen kannst.
Weiterreden? Jeden Donnerstag von 17 bis 18 Uhr triffst du andere Selbstständige im MeetingPoint, online, kostenlos und ohne Anmeldung. Mehr zu Entscheidungen und Führung in unsicheren Zeiten findest du auf unserer Seite Strategie & Führung. Und wenn du eine konkrete Frage hast: Kostenfreie Erstberatung gibt es für Mitglieder bis zu zwei Stunden, für alle anderen als kurzes Orientierungsgespräch.



